Westfälische Nachrichten 10.05.2013

McJob sucht Coaches
Freitag, Mai 10, 2013
McJob sucht Coaches
Als Tandem ins Ziel

Miriam Winter und Markus Gaugler verstehen sich gut – weil sie an einem  gemeinsamem Ziel arbeiten: Eine Ausbildungsstelle für die Schülerin finden. In Miriams Fall musste erstmal geklärt werden, welche Berufe überhaupt in Frage kommen. 

Foto: Oliver Hengst

Greven - 

Coach Markus Gaugler hilft Schülerin Miriam Winter bei der Suche eines Ausbildungsplatzes

Sie ist knapp 17, hat Träume, will etwas machen aus ihrem Leben. „Ich möchte mal eine Familie ernähren können und später sagen können: Ich habe etwas erreicht. Ich möchte mir auch etwas leisten können. Urlaub, Auto – was so dazugehört.“ Da unterscheidet sich Miriam Winter nicht sehr von ihren Mitschülern. Alle Neuntklässler ihrer Schule stehen derzeit an der selben Schwelle: Die Berufswahl steht an, der Wechsel von der Schule in einen Job muss vollzogen werden, um aus den Träumen Realität werden zu lassen. So einfach und doch so schwer.

„Ich wusste einfach nicht, was ich machen soll“, sagt Miriam. Aus dem riesigen Angebot von Berufen konnte die Emsdettenerin für sich einfach nicht das passende herausfiltern. Obwohl die Zeit drängt. Einige Mitschüler haben schon erste Bewerbungen losgeschickt. Miriam nicht. Sie wusste einfach nicht an wen?
Das war im Januar. Ihre Lehrerin empfahl, den Kontakt zur Grevener Initiative McJob zu suchen. Ein Rat, den Miriam beherzigt und bis heute nicht bereut hat. Anfang des Jahres hätte sie ihre eigene Perspektive fürs Leben mit der Schulnote fünf zusammengefasst. „Tendenz absackend“, sagt sie. Und heute? „Ich würde sagen: eine drei.“
Dafür hat Markus Gaugler gesorgt. Der 35-Jährige ist ehrenamtlich als Coach für McJob tätig und hat schon einigen anderen Jugendlichen geholfen, den ersten Schritt ins Berufsleben zu schaffen. In Miriam bekam er eine Schülerin an die Hand, die passable Noten hat, aber völlig orientierungslos war. Was kann ich gut? Was möchte ich? Was ist überhaupt realistisch? Welcher Job ist zukunftssicher? Umgehend machte sich das Tandem daran, die Hausaufgaben abzuarbeiten. Immer im Team – so läuft das bei McJob.
Heute weiß Miriam, dass der vage Wunsch, Reiseverkehrskauffrau zu werden, mangels Abi nicht zu schaffen ist. Dafür hat sie gemeinsam mit ihrem Coach Alternativen gefunden: Bürokauffrau oder Altenpflegerin. Ein erstes Praktikum (Büro) ist erfolgreich absolviert, ein zweites (Altenheim) terminiert. Perspektiven, von denen Miriam Winter begeistert ist. Gleiches gilt für ihre Mutter, die in großer Sorge war, dass der Übergang von der Schule in den Beruf für die Tochter in einer Sackgasse enden würde. „Sie ist schüchtern, ging wenig unter Leute. Ich hatte schon Angst“, räumt Anja Winter ein. Heute ist sie sicherer denn je: „Miriam wird ihren Weg gehen.“
Auch Coach Markus Gaugler ist voller Zuversicht, dass Miriam in den kommenden Monaten – mit seiner Unterstützung – weitere Weichen stellen und sich am Ende einen Ausbildungsplatz sichern wird. „Das wird klappen“, hat er volles Vertrauen in die Fähigkeiten seines Schützlings. „Positives Feedback ist ein ganz wichtiges Thema. Das kommt in der Schule manchmal zu kurz“, weiß Gaugler, der selbst als Projektmanager bei einem Personalentwickler in Emsdetten tätig ist. Eine Klasse voller pubertärer Sprücheklopfer sei vielleicht nicht ganz das optimale Umfeld, um die wichtige Berufsentscheidung und -vorbereitung konzentriert voranzutreiben. Und die eigene Familie stehe als Ratgeber bei den Jugendlichen nicht immer hoch im Kurs. „Von anderen lässt man sich eher etwas sagen . . .“, sagt Anja Winter schmunzelnd. Sie hat in den vergangenen Monaten eine erstaunliche Entwicklung an ihrer Tochter beobachtet. Die Selbstzweifel wichen ebenso wie etliche Kilo Gewicht. Zugleich wuchsen Offenheit und Selbstvertrauen der jungen Frau. Miriam veränderte ihr Outfit, sie ist tougher geworden. Erwachsener. „Es macht Spaß, diese Entwicklung zu sehen. Zu erleben: Da arbeitet jemand an sich.“
Ohne Unterstützung der Schule und des Elternhauses geht es freilich nicht. Und natürlich muss auch der Schützling mitziehen. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Gaugler. Wer bereit sei, sich reinzuknien und das Coaching anzunehmen, dem stünden viele Türen offen. Auch ein Hauptschulabschluss sei nicht per se eine schlechte Ausgangsposition. „Es kommt darauf an, was man daraus macht. Gute Fachkräfte werden gesucht. Letztlich muss der Mensch mit allem, was er einbringt, überzeugen“, sagt der Coach. Noten und Abschlüsse seien nur eine Seite der Medaille. Arbeitgeber legten ebenso großen Wert auf Lernfähigkeit, Zuverlässigkeit und soziale Kompetenz.
Fähigkeiten, die Miriam beim ersten Praktikum prompt unter Beweis stellte. Sie überzeugte bei GMP in Emsdetten – der Personalentwickler, bei dem auch Markus Gaugler tätig ist – auf ganzer Linie. „Da hat sich Miriam super angestellt“, freut sich Gaugler. Spontan habe man ihr gar eine Perspektive als Bürokauffrau-Azubi in Aussicht gestellt. Ein Erfolg, an dem Miriam gewachsen ist. Kürzlich fragte sie bei einem Stadtbummel spontan in einem Altenheim nach einem Praktikumsplatz. „Das hätte ich mich früher nie getraut.“  
von Oliver Hengst